Auch, aber nicht nur, Maigret...

Am Ende unglücklich

Wer beginnt, sich mit Leben und Werk von Georges Joseph Christian Simenon zu beschäftigen, wird sehr schnell erschlagen von der Fülle der außengewöhnlichen Leistungen als Schriftsteller, und dem Reichtum seines bewegten, zeitweise fast abenteuerlichen Lebens. Von Dr. Thomas Krubeck

Seine schriftstellerische Produktivität ist längst Legende: Die immense Zahl an Veröffentlichungen, nicht nur an Romanen und Kurzgeschichten, sondern auch an journalistischen und autobiographischen Arbeiten, die unglaubliche Zahl verkaufter Bücher, die Zahl der Sprachen, in die seine Werke übersetzt wurden, und nicht zuletzt die unüberschaubare Anzahl von Verfilmungen seiner Werke.

Nicht nur diese einzigartige Produktivität als Schriftsteller, auch die Organisation, Verwaltung und geniale Vermarktung seines Werkes – und nicht zuletzt seines Lebens - ließen die New York Times in der Rezension einer Biographie den Begriff „The Maigret Machine“ kreieren. Diese Maschine kam natürlich erst allmählich auf Hochtouren. Der knapp 16-jährige Simenon bewirbt sich 1919 bei der „Gazette de Liège“ um eine Stelle als Reporter, und wird tatsächlich eingestellt, um über lokale Ereignisse seiner Heimatstadt zu berichten. Parallel dazu entstehen die ersten Romane und Kurzgeschichten, die unter wechselnden Pseudonymen erscheinen, bis die Phase der, von Simenon selbst so bezeichneten, Lehrjahre vorbei ist – nach immerhin 10 Jahren. In dieser Zeit entwickelt er seinen Stil, wobei er zunächst die zeitgenössische Art journalistischer Berichterstattung, und den Typus der weit verbreiteten Groschenromane analysiert und adaptiert. Auch als er sich später in der Lage fühlt, „richtige“ Romane zu schreiben, und diese ab Beginn der Dreißiger Jahre unter seinem Namen herausbringen lässt, behält er seinen einfachen, knappen Stil bei, was sowohl das Ansprechen breiter Leserschichten ermöglicht, als auch die Übersetzung in andere Sprachen erleichtert.

Zum kommerziellen Erfolg trägt aber auch wesentlich die geniale Fähigkeit zur Vermarktung des Werkes und die teils gezielte, teils sicher auch unbeabsichtigte, Legendenbildung bezüglich seines Lebens bei.

Am 13. Februar 1903 wird Simenon geboren – behauptet er selbst zumindest, obwohl in seinem Pass der 12.2. als Geburtsdatum vermerkt ist, was laut Simenon daher rührt, dass seine abergläubische Mutter den Vater anwies, bei der Meldung auf dem Standesamt den Geburtszeitpunkt von kurz nach, auf kurz vor Mitternacht vorzuverlegen, um die Unglückszahl im Geburtsdatum zu vermeiden. Ein Eintritt ins Leben – fast zu spektakulär um wahr zu sein.

Zusammen mit den Eltern und dem um drei Jahre jüngeren Bruder wächst er in äußerst bescheidenen, kleinbürgerlichen Verhältnissen auf. Der Bruder wird er in seinem gesamten schriftstellerischen Werk kaum auftauchen, selten in einem der Romane, praktisch gar nicht in den autobiographischen Schriften. Zum einen, weil ihm dieser, seinem Wesen nach völlig verschiedene Bruder, fremd ist, mehr aber wohl, weil er sich von der Mutter, zu der zeitlebens ein gespanntes Verhältnis besteht, gegenüber dem Bruder zurückgesetzt fühlt.

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