Auch, aber nicht nur, Maigret...

Am Ende unglücklich

Die ersten Jahre in Amerika sind äußerst produktiv, und Simenon fühlt sich so wohl, dass er erwägt, die amerikanische Staatsbürgerschaft zu beantragen. Die Verfolgung und Kriminalisierung von Intellektuellen während der McCarthy Ära führen zu ersten Rissen in seinem positiven Amerikabild, und er begräbt seinen Plan, Bürger der Vereinigten Staaten zu werden. Zwar wird noch 1953 die Tochter Marie-Jo in Amerika geboren, aber auch das Verhältnis zu Denise wird zunehmend schwieriger, und Simenon beschließt 1955 die Rückkehr nach Frankreich. Nach einer Odysee durch das ganze Land lässt sich die Familie schließlich nahe Cannes nieder, dem letzten Wohnort Simenons in Frankreich.

In Cannes macht Simenon 1960 von sich reden, als er als Präsident des Filmfestivals die Prämierung des umstrittenen Filmes „La dolce vita“ von Federico Fellini durchsetzt.

1957 siedelt die Familie in die Schweiz über. Simenon mietet ein Schloß in der Nähe von Lausanne. Die Ehe mit Denise ist, auch wenn 1959 noch das letzte Kind, Pierre, zur Welt kommt, in einer tiefen Krise. 1963 erfolgt der Umzug in ein nach eigenen Entwürfen erbautes, gigantisches Haus, ebenfalls nahe Lausanne, oberhalb des Genfer Sees. Denise wird nur wenige Monate dort wohnen. Nachdem schon vorher Aufenthalte in verschiedenen psychiatrischen Kliniken notwendig geworden waren, verlässt sie die Familie 1964, um sich weiter behandeln zu lassen. Für immer wie sich herausstellt.

Für den Rest seines Lebens wird seine Haushälterin, die Italienerin Teresa Sburelin, Simenons treusorgende Lebensgefährtin. Mit ihr verlässt er 1972 sein riesiges Anwesen und zieht in eine Hochhauswohnung in Lausanne, 1974 in ein bescheidenes Häuschen ebendort.

1971 beendet er seinen letzten Roman, „Les innocents“, 1972 seinen letzten Maigret, „Maigret und Monsieur Charles“ , 1973 verkündet er öffentlich, keine Romane mehr zu schreiben. Es folgen aber noch eine große Zahl von autobiographischen Schriften, die er, auch dies ein Novum in der Literaturgeschichte, nach Tonbanddiktaten erstellt. Das Urteil der Literaturkritik über diese „Dictées“ ist verheerend.

Noch immer aber beherrscht er die Kunst, sich öffentlich werbewirksam in Szene zu setzen: Als er 1977 Fellini interviewt, fällt die Bemerkung von den 10.000 Frauen, mit denen er in seinem Leben geschlafen habe. Noch einmal steigert sich seine ohnehin große Popularität immens.

Der schwerste Schlag seines Lebens trifft ihn, als sich 1978 seine Tochter, die ihn von Kind an abgöttisch liebt, im Alter von 25 Jahren in Paris erschießt. Er braucht Jahre, um diese Katastrophe einigermaßen zu verkraften. In seinen „Memoires intimes“ schiebt er die Schuld an diesem Selbstmord seiner Frau zu.
Dieses Buch, die intimen Memoiren, sind das letzte Buch, das zu seinen Lebzeiten, 1981, erscheint. Es handelt sich um eine umfangreiche Autobiographie, deren Aufhänger der Tod der Tochter ist, und deren nachgelassene Aufzeichnungen dem Buch angefügt sind.

Von den Folgen einer Gehirnoperation und einem Schlaganfall gezeichnet, stirbt Georges Simenon am 4.9.1989. Seine Asche wird, wie die seiner Tochter, im Garten des kleinen Hauses in Lausanne verstreut.

Die Beurteilung seine Werkes fällt zwiespältig aus: Er spricht ein Massenpublikum an, und erntet dennoch höchstes Lob bei hochrangigen Schriftsteller-Kollegen. Dagegen steht ihm die Literaturkritik reserviert gegenüber, und große Auszeichnungen bleiben ihm versagt. Doch ist dies sicher nicht der Grund, wenn sein Sohn John nach seinem Tode sagt: „Er starb unglücklich.“

zurück  1 | 2 | 3